BAföG vorzeitig zurückzahlen – lohnt sich das?

bafög vorzeitig zurückzahlen

Bei vorzeitiger Rückzahlung winkt satter Rabatt

Ziemlich genau 5 Jahre nachdem die letzte Rate des BAföGs auf mein damaliges Studentenkonto überwiesen wurde, flattert nun der Brief vom Bundesverwaltungsamt zu mir ins Haus. Die Rückzahlung steht an. Insgesamt sind es 11.439 Euro, gedeckelt auf 10.000 Euro, erste Rate fällig am 30.06.2017. Alternativ bietet mir das BVA an, den ausstehenden Betrag vorzeitig in einem Teil zurückzuzahlen. In diesem Fall würde sich der Betrag auf 7.892,91 Euro belaufen, somit eine Ersparnis von 2.107,09 Euro. Eine Super Sache also, oder?

Wären da nur nicht die vielen anderen Dinge, die ich mit Geld so anstellen könnte. Zum Beispiel Investieren 😉

Aber was ist eigentlich gewinnbringender: Das Geld auf einen Schlag zurückzahlen und den Nachlass einzustreichen oder das Geld in High Risk Investments ala P2P stecken und 12-14% Rendite zu kassieren?

Ich hab das mal für meinen Fall konkret durchgerechnet.

BAföG vorzeitig zurückzahlen oder das Geld lieber anlegen?

In dem Diagramm dargestellt: Einmal die blaue Linie, welche den Ertrag der Anlage der 7.892 Euro zu einem Zins von 14% (und monatlicher Fälligkeit) annimmt und die rote Linie, welche den Erlass (also Quasi Ertrag) von 2.107 Euro darstellt.

Man sieht schnell, die beiden Linien kreuzen sich ungefähr im Februar 2019, also in ca. 20 Monaten. Das bedeutet, davor bringt der Erlass für das vorzeitige Zurückzahlen des BAföG-Darlehens mehr als die Zinserträge auf das Investment. Allerdings steigt dieser ab diesem Zeitpunkt auch nicht mehr an. Die Zinsen der Anlage hingegen werfen stetig weitere Erträge ab.

Rein rechnerisch sollte man wohl also auf die Anlage setzen, da ab dem 20. Monat hierbei unterm Strich mehr raus springt.

Aber hier einige Dinge, die man bedenken sollte:

  • Bis zum Zeitpunkt, ab dem das Investieren lohnenswerter ist, vergehen ganze 20 Monate. Das sind 20 Monate Anlage in einem High-Risk Umfeld. Ein Umfeld, das noch sehr neu ist und von dem man nicht weiß, ob es nächste Woche noch das selbe Umfeld ist. Es kann also gut gehen, es kann nach 20 Monaten aber auch die 0 da stehen (bzw. das eingesetzte Kapital verloren sein)
  • Der Nachlass von 2.107 Euro entspricht einer risikolosen Rendite von 26,69%! Und das sofort und steuerfrei! – Unter Annahme einer 20 monatigen Anlagedauer würde dies einer jährlichen Verzinsung von über 16% entsprechen.
  • 14% als Verzinsung für die P2P Anlage sind sogar für diese Anlageklasse sehr optimistisch gerechnet und nicht selbstverständlich. Tendenziell würde ich also eher mit weniger rechnen, sagen wir 11%, wodurch sich das ganze wiederum entsprechend verschiebt auf der Zeitachse. Das eingesetzte Kapital ist also noch länger einem hohen Risiko ausgesetzt.

Letzten Endes muss das eh jeder für sich selber beurteilen, für mich stand die Entscheidung jedoch schnell fest: Sofortige 26,69% steuerfrei sind mir lieber als ein eventueller höherer Ertrag einer HR-Anlage, wo ich dann auch noch Steuern zahlen muss.

Wie sagt man so schön:

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

taube geld

Clevere Taube beim Investieren

Außerdem: Betrachtet man das gesamte Darlehen, wird die Rechnung gleich nochmal schöner: Die gesamte Förderung beläuft sich auf 22.878 Euro, wovon die Hälfte sowieso schon geschenkt war. Von 22.878 Euro zahle ich also nur 7.892 Euro zurück, also eine Quasi-Rendite von ca. 65,5% 😉

Lohnt es sich einen Kredit aufzunehmen, um das BAföG Darlehen auf einen Schlag zurück zu zahlen?

Ja es kann sich lohnen, aber natürlich nicht zu beliebigen Konditionen. Wie bereits erwähnt, entspricht der Rabatt (in meinem Fall) einer sofortigen Rendite von über 26%.

Somit kann es sich lohnen, einen Kredit zu beispielsweise 4% Zins aufzunehmen. Es lohnt sich m.M. nach aber nicht, seinen Dispo mit 16% dafür in Anspruch zu nehmen.

Pauschal lässt sich das aber nicht sagen. Es kommt drauf an, wie lange man den Dispo bzw. den Kredit in Anspruch nimmt. Schafft man es, den Kredit innerhalb von ein paar Monaten zurückzuzahlen, kann es sich schon wieder lohnen. Braucht man dagegen mehrere Jahre, ist es sicherlich nicht lohnenswert. Ganz allgemein kann man sagen, dass der Dispo sowieso nur, wenn überhaupt, sehr kurz in Anspruch genommen werden sollte und sich nicht für mittlere / längere Laufzeiten rentiert.

Um zu berechnen, ob es sich lohnt, einen Kredit aufzunehmen, sollte man die Gesamtkreditkosten gegen den Erlass für die vorzeitige Rückzahlung rechnen. Dabei kommt es in erster Linie auf den Zins und die Laufzeit des Darlehens an:

Wie würdet ihr bei solchen Entscheidungen vorgehen? Zieht ihr den sicheren „Ertrag“ vor und gebt euch mit etwas weniger zufrieden oder nehmt ihr lieber größere Risiken auf euch um möglicherweise höhere Gewinne einzustreichen? Spatz oder Taube 🙂 ?

 

Nachtrag:

Im Fall P2P-Anlage: Was ist mit Tilgungsraten für das BAföG?

Wie ganz richtig von den Lesern Genossenschaftler und Tobias angemerkt: Die obige Betrachtung lässt für den Fall der P2P-Anlage die Tilgungsraten des BAföGs außer Acht.

Nimmt man dies in die Betrachtung mit auf, verschiebt sich die Kreuzung der beiden Linien noch einmal drastisch nach hinten auf ca. Januar 2023!

Außerdem bemerkenswert: Bis einschließlich Mai 2020 ist man in der Gesamtbetrachtung sogar noch in der Verlustzone!

Somit gewinnt aus meiner Sicht ganz klar die Option sofortige Rückzahlung auf einen Schlag.

…und im Fall Nachlass bei sofortiger Tilgung: Wie sieht es aus, wenn man den Rabatt auch noch zu 14% anlegt?

Legt man den Rabatt von 2.107 Euro auch noch in P2P-Krediten an, erhält die entsprechende Linie eine exponentielle Steigung. Folglich verschiebt sich der Kreuzungszeitpunkt noch weiter nach hinten, nämlich auf August 2025!

Das Diagramm also für beide Fälle:

Die Zickzack-Linie kommt dadurch zu Stande, dass das BAföG nicht monatlich sondern vierteljährlich getilgt wird.

 

10 Kommentare

  1. Ex-Studentin

    Ich würde lieber auf einen Schlag zurückzahlen und den Rabatt mitnehmen. Die Alternative wäre Ratenzahlung, die mich jeden Monat auf dem Kontoauszug nervt.

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  2. Genossenschaftler

    Hallo
    Der Vergleich hinkt aus meiner Sicht an zwei Stellen:
    1) Ohne vorzeitige Rückzahlung muss man das Bafög in Raten zurückzahlen (10000€). Diese sollte man von den Erträgen abziehen (laufende Kosten)
    2) Das gesparte Geld bei vorzeitiger Rückzahlung kann man natürlich auch anlegen. Keine Flatrate.

    Beides zusammen führt dazu dass sich beide Linien später kreuzen

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    1. Genossenschaftler

      Flatline muss es heißen

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    2. Johannes (Beitrags-Autor)

      Hallo Genossenschaftler
      Da hast du natürlich Recht. Ich habe dies entsprechend im Beitrag ergänzt. Vielen Dank für den Hinweis!

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  3. Max

    Korrekterweise sollte man bedenken, dass man auch den Rabatt anlegen könnte / würde.

    Davon ab gilt auch hier, dass die 10k zu investieren ein Investment auf Kredit wäre – ob der nun schon vorher existierte oder nicht, macht ja nichts.

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    1. Johannes (Beitrags-Autor)

      Im Fall des BAföGs ist es aber zumindest ein zinsfreies Darlehen. Die Anlage des Rabatts habe ich im Beitrag ergänzt, vielen Dank für den Hinweis

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  4. Tobias

    Das Diagramm mit der roten und blauen Linie ist meiner Meinung nach nicht ganz korrekt, da dir im Raten-Rückzahl-Fall ja nur am anfang die 7.000€ zur Verfügung stehen. Die Steigung müsste also mit der Zeit leicht abflachen. Oder ist der Rückzahlungs Zeitraum so groß und die Rate demnach sehr gering?

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    1. Johannes (Beitrags-Autor)

      Jepp, korrekterweise muss ich zugeben, dass ich dies nicht berücksichtigt hatte. Ist nun ergänzt. Danke für den Beitrag 🙂

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  5. Christian Wimmer

    Psychologischer Vorteil ist nicht zu unterschätzen. Ich bin schuldenfrei!

    Ich habe das letzte Studienjahr mit einen Studienabschlussdarlehen von der KfW finanziert. Habe das auch auf einen Schlag getilgt, einfach um schuldenfrei zu sein.

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    1. Johannes (Beitrags-Autor)

      Hallo Christian,
      sicherlich auch ein Punkt, den man dabei betrachten sollte. Ich für meinen Teil differenziere hierbei aber zwischen den guten und schlechten Schulden. Wenn ich zwar Schulden habe, aber unterm Strich damit effizienter mit meinem Geld umgehe, ist das für mich ok. Dies muss aber sicherlich jeder für sich entscheiden, verstehe es vollkommen, wenn man einfach aus Prinzip schuldenfrei sein möchte.

      Grüße,
      Johannes

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